Märchenzeit

Märchen und Gedichte für die Seele

Kurze Augenblicke, die das Leben verzaubern …

Es war einmal eine Kräuterhexe. Sie lebte in einer bescheidenen Holzhütte im Wald. Und wie es sich für eine Kräuterhexe gehört, durchstreifte sie Wiesen und Wälder und war auf der Suche nach Kräutern, Blüten, Wurzeln und Pilzen. Vorsichtig, fast ehrfürchtig, legte sie die gesammelten Gaben aus der Natur in ihren Korb um dann wieder nach Hause zu kehren.

Die Blüten und Kräuter trocknete sie in der Sonne, füllte sie in Gläser und stellte bei Bedarf einen heilsamen Zaubertrank her. Auch die Wurzeln und Pilze säuberte und zerkleinerte sie um daraus eine wunderbare Zaubersalbe zu machen. Ihre Kräutertees halfen bei vielen Beschwerden. Die Kräuterhexe wusste für jedes Wehwehchen das richtige Kräutlein einzusetzen. Deshalb war sie unter den Waldbewohnern sehr geschätzt und angesehen.
Sie hatte den krummen, gebrochenen Flügel des prächtigen Adlers geheilt, so dass er wieder hoch oben in den Lüften seine Kreise ziehen konnte. Auch dem Eichhörnchen, das unter furchtbarer Höhenangst litt, hatte sie das entsprechende Elixier gemischt und mit Freude konnte man nun zusehen, wie der aufgeweckte Nussknacker unbeschwert von Baum zu Baum hüpfte. Die Kräuterhexe war mit ihrem Wissen, ihrem Fein- und Mitgefühl ihren Patienten gegenüber einfach ein Segen und eine großartige Meisterin ihres Faches.

Ihre Gabe den Bewohnern des Waldes zu ihrer Gesundheit und Lebensfreude zurück zu helfen, sprach sich auch außerhalb des Waldes schnell herum. So kam es, dass eines Tages spät abends jemand an ihrer Tür klopfte. Die Kräuterhexe hatte es sich schon auf ihrem Nachtlager gemütlich gemacht, dennoch öffnete sie die Tür ihrer einfachen Hütte um nachzusehen, wer zu dieser späten Stunde noch ihre Dienste in Anspruch nehmen wollte.

Sie war sehr überrascht, als ein Tausendfüßler außer Atem und verschwitzt um ihre Hilfe bat. Die Kräuterhexe ließ ihn eintreten, beruhigte ihn und ermunterte ihn seine Geschichte zu erzählen. In Wortfetzen und gebrochener Sprache begann er zu reden. Seine tausend Füße waren blutig wund gelaufen und schmerzten ihn seit langem. Der Tausendfüßler war verzweifelt und ratlos, weil ihn selbst auf kurzen Strecken die Schmerzen plagten und diese für ihn zu einer Herausforderung wurden. Erstaunt stellte die Kräuterhexe fest, dass an jedem seiner Füße ein Schuh steckte … Vorsichtig zog sie dem Tausendfüßler jeden einzelnen Schuh vom Fuß und verarztete geduldig seine Wunden bis zum Morgengrauen. Nachdem auch der letzte Fuß des Tausendfüßlers versorgt war, fielen beide erschöpft auf ihre Schlafstätte.
Die Kräuterhexe war schon längst wieder auf den Beinen, als auch der Tausendfüßler endlich seine Augen verschlafen rieb und langsam wach wurde. Er bewegte seine tausend Füße, räkelte und streckte sich und meinte dann zur Kräuterhexe: „Was für eine Wohltat keine Schuhe an den Füßen zu haben! Es geht mir schon viel besser!“ „Warum trägst du überhaupt Schuhe?“, fragte die Kräuterhexe ihren Patienten. „Nun, es wird von mir verlangt!“, sagte der Tausendfüßler. „Du siehst doch, dass sie dir nicht gut tun und nur schaden. Deine Füße brauchen Luft zum Atmen und Freiraum, keine Grenzen, die sie beengen!“
Der Tausendfüßler wurde nachdenklich und schwieg sehr lange. Die Kräuterhexe wollte ihn in seinen Gedanken nicht stören. Es war ein Teil ihrer Behandlung ihre Patienten zum Nachdenken anzuregen und ihre Lebenssituation zu überdenken. Die Kräuterhexe war davon überzeugt, dass äußere Wehwehchen nur den inneren Seelenzustand ihrer Patienten widerspiegelten.

Sie trat vor ihre Hütte und wollte sich auf den Weg zum See machen um dort etwas auszuspannen. Da stand jedoch eine kleine Maus vor ihrer Tür und fragte verdutzt: „Bin ich hier richtig? Ich suche eine angesehene Frau mit großer Erfahrung in Heil- und Kräuterkunde, die diverse Massagetechniken beherrscht und das innere Gleichgewicht wieder herstellen kann … Aber in dieser einfachen Hütte!?“ Die Kräuterhexe schmunzelte. Offensichtlich wollte die Maus ja zu ihr. „Oh, was hast du dir erwartet!? Ein Wellnesshotel mit Thermen- und Spabereich? Können diese Anwendungen denn nicht auch in einer einfachen Hütte stattfinden!?“ Etwas verlegen entgegnete die Maus: „Aber sicher doch!“
„Na, dann komm doch mit zum See.“, forderte die Kräuterhexe die Maus auf.
Auf dem Weg dorthin, erzählte die Maus ihren Beweggrund für den Besuch bei der Kräuterhexe. „Verheerende Kopfschmerzen plagen mich schon über Wochen!“, klagte sie. Die Kräuterhexe nahm sich auch um diesen Patienten an. Am See angekommen, setzten sie sich ins weiche Gras am Ufer. Schweigend saßen die beiden da, beobachteten die Fische im Wasser, lauschten dem Zwitschern der Vögel und ließen ihre Gedanken vom Wind forttragen. Bevor die Mittagshitze aber zu groß wurde, machten sie sich auf den Heimweg. Die Kräuterhexe erkundigte sich nach dem Wohlbefinden der Maus.
„Die Kopfschmerzen sind wie weggezaubert! Du scheinst magische Kräfte zu besitzen!“, antwortete die Maus begeistert auf die Frage der Kräuterhexe.
„So eine kurze Auszeit am See lässt dich den Lärm der Welt vergessen und scheint eine große Wirkung bei dir zu zeigen. Du solltest das regelmäßig machen.“, schlug die Kräuterhexe vor.

In der Hütte angekommen machte sie die Maus und den Tausendfüßler miteinander bekannt. Beide halfen der Kräuterhexe beim Zubereiten einer leckeren Suppe aus den Zutaten, die der Wald so bietet. Später saßen alle drei über einer dampfenden, wohl riechenden Suppenschüssel und löffelten genüsslich die Suppe daraus. In dieser einfachen Hütte, ohne Luxus und besonderem Komfort, lag etwas besonderes in der Luft. Nicht nur der Duft der Suppe, es war wohl viel mehr die Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Offenheit und Liebe dem Mitmenschen gegenüber. Dort konnte man getrost sein, wie man war – ohne bestimmte Vorstellungen oder Erwartungen anderer erfüllen zu müssen. Man konnte den allgemeinem Zeitgeist mit „schneller, höher, weiter“ entfliehen und im Einklang mit der Natur sein. Die Maus stellte fest, dass weniger oft so viel mehr war. Und auch der Tausendfüßler erkannte, dass er einfach sich selbst treu bleiben durfte.

Es bleibt mir nur zu sagen: „Weniger ist mehr“ und „Sei der du bist, nicht mehr, nicht weniger, aber der sei!“ (Peter Altenberg)

Herzlichst

Cornelia

2 Kommentare

  1. ..zauberhaft..und soo wahr..
    ..Danke..

  2. Wunderschön

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