Märchenzeit

Märchen und Gedichte für die Seele

Toleranz mit Weitblick

 

Foto: Pixabay

Es war einmal ein Hase. Er wohnte mit seiner Familie in einem schönen, geräumigen Hasenbau. Hase Hans, so hieß er, war fleißig, ehrgeizig und zielstrebig. Er war um das Wohl seiner Familie stets bemüht. Es fehlte ihnen an nichts. Der Karottenbunker war gut gefüllt und auch Löwenzahn und Salatblätter waren genügend eingelagert. Um ihren Hasenbau herum war es ruhig und friedlich. Mit der einheimischen Hasenfamilie nebenan lebten sie eine sehr angenehme Nachbarschaft. Doch das sollte sich ändern …

Eines Morgens als Hase Hans gerade aufgewacht war, stand der Nachbar schon vor seinem Hasenbau. Er war aufgeregt und aufgebracht und sagte: „Hast du schon gehört, dass eine fremde Hasenfamilie in den leeren Hasenbau unter der alten Eiche einziehen soll!? Nun ist es vorbei mit der Ruhe! Wer weiß, was das für welche sind!“ „Was!?“, rief Hase Hans entsetzt. „Was wollen die bei uns und woher kommen sie überhaupt!?“ „Anscheinend ist ihr Hasenbau eingestürzt und aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage sind sie nicht im Stande den Hasenbau wieder aufzubauen.“, erzählte der Nachbar. „Und jetzt glauben sie bei uns soziale Unterstützung zu bekommen, oder was!?“ Hase Hans schüttelte den Kopf, drehte sich um und ging zurück in seinen Hasenbau. Er musste unbedingt seiner Frau von der Neuigkeit erzählen. Vorsicht war geboten, da man ja nicht wissen konnte, wie die Fremden waren. „Warum bist du so misstrauisch und voreingenommen!?“, wollte seine Frau wissen. „Lass die doch erst einmal in den Hasenbau einziehen und dann mach‘ dir ein Bild von ihnen. Wahrscheinlich ist es eine Familie, wie wir es sind, die dankbar ist, wenn sie ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen hat!“ „Na, wir werden ja mal sehen!“, entgegnete Hase Hans mürrisch und trottete davon.

Hase Hans spitzte die Ohren. Was vernahm er da in der Ferne? Es war Hasengehoppel … Es stimmte als doch. Die fremde Hasenfamilie zog in den Hasenbau unter der alten Eiche ein. Hase Hans brachte lediglich ein knappes Grüß Gott über die Lippen. Ansonsten war er distanziert und kühl der fremden Hasenfamilie gegenüber. Was interessierte ihn die Geschichte der Neuankömmlinge!? Für ihn und seine Familie bedeutete es lediglich, dass ihnen jemand ihre Karotten, ihren Löwenzahn und ihre Salatblätter streitig machte. Womöglich nahmen sie auch noch etwas von ihren Ansichten, ihrem Gedankengut und ihren Gewohnheiten mit und brachten das hier übliche Leben durcheinander. Wer wollte das schon!? Es war doch gut, so wie es jetzt war.
Erst spät abends kam Hase Hans nach Hause. Er war den ganzen Tag damit beschäftigt gewesen, alle Hasen zu informieren und vor den Fremden, den Unbekannten zu warnen. Er wollte den ganzen Wald mobilisieren.
Auf die Frage seiner Frau, wo er denn so lange geblieben wäre, meinte er nur: „Ich habe Aufklärungsarbeit geleistet.“ Frau Hase sah ihn verdutzt und verständnislos an.

An einem lauen Sommerabend saß Hase Hans mit seiner Frau im Hasenbau. Von draußen drang leises Hasengeschwätz und Kichern herein. Plötzlich klopfte es an der Tür und zwei kleine Hasen der neu hingezogenen Hasenfamilie schauten fröhlich herein. „Dürfen die Kinder mit uns spielen? Und Mama und Papa lassen fragen, ob sie euch zu der frisch gekochten Karottensuppe einladen dürfen?“, sagten die Hasenkinder. Hase Hans saß in seinem Ohrensessel und schaute griesgrämig. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, meinte Frau Hase höflich: „Das würden wir sehr gerne!“ Die Kinder jubelten und hoppelten übermütig davon. „Du kannst gerne mitkommen oder den Abend hier alleine im Hasenbau verbringen. Ich finde, es ist höchste Zeit unsere Nachbarn etwas näher kennen zu lernen.“, sprach sie und machte sich auf den Weg …
Hase Hans war überrascht, entsetzt und wütend zugleich. Wie konnte seine Frau ihm nur derart in den Rücken fallen? Wenn er sie begleiten würde, würde er von seinen Gleichgesinnten nicht mehr ernst genommen werden. Lächerlich würde er sich machen. Aber zugegeben, etwas neugierig war er dann schon. Es würde ja niemand sehen. Also entschied er sich doch aufzubrechen …

Seine Frau saß schon inmitten der fremden Hasenfamilie über einer Schüssel dampfender, wohlriechender Karottensuppe und unterhielt sich angeregt mit der anderen Hasenfrau. Herr Nachbarhase schüttelte Hase Hans freundlich die Pfote und hieß ihn willkommen. Die anfängliche Zurückgehaltenheit, Scheu und Vorsicht dem anderen gegenüber verflog auf beiden Seiten schnell. Und es wurde ein sehr gemütlicher, lustiger und geselliger Abend. Sie tauschten sich über alles mögliche aus. Sie staunten über gewisse Dinge, die neu und anders waren, stellten viele Gemeinsamkeiten fest und manche festgefahrene Einstellung wurde durch das gemeinsame Gespräch neu überdacht.

Hase Hans saß nach dem netten Abend mit den Nachbarn noch lange vor seinem Hasenbau und schaute in den Sternenhimmel. Er schämte sich ein bisschen für seine Einstellung, sein Verhalten, seine Voreingenommenheit. Er hatte sich von der Hasenfamilie ein Bild gemacht ohne sie wirklich gekannt zu haben und sie gleich schubladisiert.
„Vielleicht ist es ein bisschen so wie mit den Sternen am Himmel.“, dachte Hase Hans. „Der eine leuchtet etwas anders als der andere, aber jeder strahlt in seinem eigenen Glanz. Dicht an dicht schmücken sie das Himmelszelt. Aber erst das gemeinsame Strahlen erhellt das Firmament, was ein einzelner Stern nicht zu schaffen vermag.“ Und Hase Hans spürte, dass es jeden einzelnen Stern brauchte um das Universum zu etwas Ganzem zu machen.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen offenen Blick, viel Toleranz und Warmherzigkeit. Geben wir der Welt – geben wir uns – in ihrer Vielfältigkeit und Einzigartigkeit eine Chance!

Herzlichst

Cornelia

1 Kommentar

  1. Wunderschön liebe Cornelia, herzlichen Dank für deine wirklich herzerwärmende Geschichte. Damit hast du mir ein Lächeln an diesem Morgen geschenkt! Herzliche Grüße
    Claudia

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